BERMET! Er war einer meiner Hauptgründe für die Reise nach Serbien, doch mit einer solchen Begegnung konnte ich nicht rechnen.

Bermet ist nämlich wahrscheinlich der geheimste Wein der Welt. Die genauen Rezepte hüten einige Familienweingüter der Region Fruška Gora nördlich von Belgrad, in der Stadt Sremski Karlovci und Umgebung, unter Verschluss. Die meisten Zutaten, mit denen der Wein mazeriert wird, sind bekannt: Kräuter, Gewürze und Trockenfrüchte. Beim roten Bermet sind es rund 24, beim weißen rund 21, weil manche Zutaten die Farbe beeinflussen können. Die Proportionen aber sind nicht herauszubekommen, ähnlich wie bei Coca-Cola (auch wenn Chemiker die angeblich längst entschlüsselt haben). Man versicherte mir zudem, dass nichts daraus würde, selbst wenn ich einige dieser Zutaten auf eigene Faust mischen würde. Wenn das kein Grund ist, es zu probieren!

So weit, so unspektakulär: ein mit Kräutern und Früchten aromatisierter Dessertwein. ABER er ist so ungewöhnlich und so gut, dass Maria Theresia, zumindest der Legende nach, die Einwohner von Sremski Karlovci vom Militärdienst befreite, damit sie in Ruhe Bermet für sie und ihren Hof produzieren konnten.

Der Karlovcier Überlieferung nach gelangte Bermet auch an Bord der Titanic: Die einen erzählen von einer Weinkarte, die anderen von Flaschen, die aus dem Wrack geborgen wurden. Mich interessierte, wo diese Überlieferung auf Fakten trifft, also habe ich mich durch die Kataloge gegraben. 1985 fand Ballards Expedition das Schiff, nahm aber nichts vom Meeresgrund mit – das war ihr Prinzip. Die ersten Artefakte kamen erst 1987 nach oben, und seitdem hält eine einzige Firma die Rechte an den Bergungen – RMS Titanic Inc., exklusiver Salvor per Gerichtsentscheid von 1994. Ihre Sammlung zählt über 5500 Objekte, unter den Flaschen Bier, Spirituosen und Champagner aus den 63 Kisten des Lieferanten F. B. Vandegrift & Co. laut Frachtmanifest. Der Champagner kam übrigens unversehrt herauf, mit Korken und Inhalt: In dieser Tiefe dringt das Wasser langsam ein und gleicht den Druck aus, ohne das Glas zu sprengen. Serbische Etiketten tauchen in den Verzeichnissen nirgends auf, obwohl Bermet mit seinen 17% Alkohol eine solche Lagerung überstanden hätte.

Mit der Weinkarte sieht es nicht besser aus. Die erhaltenen Menükarten der Titanic sind an einer Hand abzuzählen, erzielen bei Auktionen sechsstellige Summen und sind von Sammlern längst durchleuchtet. Die Standard-Weinkarte der ersten Klasse von White Star aus dem Jahr 1910 ist bekannt: zehn Champagner, Sauternes, Mosel, Claret, Portwein, Sherry, Burgunder und Wermut. Der einzige Wein, dessen Anwesenheit an Bord durch einen Fund belegt ist, ist Heidsieck-Champagner. Die Ironie: Weinkarten mit Bermet existieren tatsächlich in Archiven, echte – die Serbische Akademie der Wissenschaften bewahrt Karten Wiener Hotels jener Epoche auf, in die die Karlovcier ihren Wein einst hineingedrängt hatten, indem sie Studenten vorschickten, die ihn so lange bestellten, bis die Hotels nachgaben. Nur waren die Hotels eben Wiener und keine schwimmenden. Die offizielle Website von Sremski Karlovci schreibt zur Titanic „der Legende nach", und ich schließe mich an: Die Geschichte ist schön, soll sie leben, aber eben als Legende.

Und die Flasche auf dem Foto ist GENAU von der Art, wie sie der Legende nach an Bord der Titanic war. Sie im Weinmuseum in Topola zu entdecken war eine echte Überraschung!

Über Preise schreibe ich nicht gern, aber in diesem Fall darf man durchaus von fünfstelligen Summen in Euro sprechen.

Hier sind noch ein paar Fotos aus dem Weinmuseum „Zlatna Kruna“ in Topola.